Felix Großschartner – Alles andere als Mainstream

Felix Großschartner – Alles andere als Mainstream

„Mainstream ist Durchschnitt. Unkonventionell sein eröffnet Möglichkeiten.“ Dieses Motto gibt Felix Großschartner für sich selbst aus. Optisch sticht der bodenständige Oberösterreicher mit seinem markanten Schnauzer definitiv aus der Masse heraus. Und nicht zuletzt seine Leistungen auf dem Rad und seine Vorlieben beim Wetter sind alles andere als durchschnittlich.

 

Von der Skipiste auf die Straße

Dabei sah es beim Teenager Felix zunächst nach einer Karriere im alpinen Skiweltcup aus. Nur zwei Klassen unter Doppel-Weltmeister Vincent Kriechmayr besuchte er die Skihauptschule in Windischgarsten und trainierte hart für sein großes Ziel. Doch ein komplizierter Wadenbeinbruch im Alter von 14 Jahren versetzte diesen Träumen einen herben Dämpfer. Während der Reha war das Trainieren auf dem Ergometer die erste mögliche Aktivität und entfachte in Felix die Leidenschaft für den Radsport, so dass er voller Euphorie kurz darauf seine erste Nachwuchs-Lizenz löste. Dank seiner enormen Zielstrebigkeit machte er sich im ganz in der Nähe der Heimat ansässigen Continental Team aus Wels schnell einen Namen und lernte hier bereits seine heutigen Teamkollegen Patrick Konrad und Lukas Pöstlberger kennen. 2015 schnupperte er als Stagiaire („Testfahrer“) beim damaligen Tinkoff – Saxo Team einige Monate WorldTour-Luft und kam schließlich 2018 über das polnische CCC Team zu BORA – hansgrohe.

Fotocredit:

BORA – hansgrohe I Bettiniphoto

BORA – hansgrohe I veloimages.com

BORA I Stefan Schütz

Er fährt mit Stil

Durch die „Band of Brothers“, wie sich das Team selbst bezeichnet, kam er auch zum Schnauzer, der sich mittlerweile als sein Marken- und Erkennungszeichen etabliert hat. Dabei war dies Anfang 2020 nur als Versuch einiger Teammitglieder gedacht, doch Felix zog es als einziger durch. „Ich finde es witzig und die Freundin hat sich auch dran gewöhnt“ scherzt er. Nach eigenen Angaben gibt der markante Oberlippenbart obendrein 20 Watt extra. Ein weiterer positiver Nebeneffekt: Im großen Peloton ist er so für Familie und Freunde schnell zu erkennen. Auch wenn er das gar nicht nötig hätte, denn Felix sticht viel lieber mit Leistung heraus. Wenn er eine Chance sieht, dann ergreift er sie, Panache hat er, wie man im Radfahrer-Jargon sagt. Dies bewies u.a. auch bei seinem beeindruckenden Solo-Etappensieg bei der 2021er Edition der Tour of the Alps in Riva del Garda, als er 18 km vor dem Ziel ausriss und nicht mehr einzuholen war.

Nass, kalt und bergauf…        

…so mag es Felix im Rennen sehr gern. Denn unkonventionell ist auch das Stichwort, wenn man den Kletterer nach seinem Lieblingswetter auf dem Rad fragt: Grundsätzlich trainiere ich schon gern in der Sonne, aber Regen und 4 Grad beim Rennen, das sind meine Verhältnisse.“, gibt er mit vollem Ernst an. Auch weil er weiß, dass er mit diesen Verhältnissen besser klarkommt als viele seiner Konkurrenten. Auch noch als Skifahrer haben ihm -20°C nichts anhaben können. So trainiert er zum Beispiel selbst im österreichischen Herbst gerne in der kühleren Morgenstimmung, da sein Körper dort einfach besser funktioniert. Diese Verhältnisse sind es auch, in denen Felix einige seiner größten Erfolge feierte. Da wäre zum Beispiel der Gesamtsieg bei der Türkei-Rundfahrt 2019, wo er passenderweise den Grundstein beim Etappensieg in einem Skiort legte. Unter Bedingungen, die auch dem Skifahrer Felix gefallen hätten, stürmte er im Schneefall den Schlussanstieg hinauf. Dieser Gesamtsieg hatte zugleich auch eine historische Komponente für sein Team BORA – hansgrohe, denn es war auch der erste Gesamtsieg bei einem Etappenrennen für die Mannschaft aus Raubling.

Der endgültige Durchbruch als Klassementfahrer

Das Wetter spielte ihm auch bei der Vuelta a España 2020 in die Karten. Denn durch den modifizierten Rennkalender startete die Spanienrundfahrt in 2020 erst Mitte Oktober und somit zwei Monate später als üblich. Felix nutzte die kühleren Temperaturen perfekt und konnte am Ende einen sehr beachtlichen neunten Platz im Gesamtklassement erkämpfen. Dabei war er von der ersten Etappe an immer in den Top10 der Gesamtwertung, schaffte dies auch bei fünf Etappenankünften und verpasste einen Etappensieg als Zweiter nur um wenige Zentimeter. Nach Top10-Plätzen bei einwöchigen Rundfahrten war dies der letzte Beweis, dass man auch bei einer Grand Tour auf ihn zählen kann. Und das obwohl die Vuelta-Mannschaft von BORA – hansgrohe um Sprintstar Pascal Ackermann aufgebaut war, der dies mit 2 Etappensiegen auch bestätigte. Felix hatte also kein Team aus bergfesten Helfern an seiner Seite, konnte aber in der Ebene Kräfte sparen. Dieser Erfolg verhalf ihm zu viel Aufmerksamkeit in der Heimat und so wurde er vor Teamkollege Patrick Konrad zu „Österreichs Radsportler des Jahres 2020“ gewählt.

Mit „Amore Infinito“ zum Grand Tour-Etappensieg?

Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Oberösterreicher, der sich berechtige Hoffnungen auf einen rot-weiß-roten Olympia-Startplatz in Tokio machen darf, auch 2021 wieder bei der Vuelta bei BORA – hansgrohe als alleiniger Kapitän an den Start gehen soll. Denn auf dreiwöchige Rundfahrten wird auch in Zukunft der Fokus gelegt werden. Felix hat schon alle drei Grand Tours gefinisht. Doch trotz der Erfolge bei der Vuelta, bei der er die Atmosphäre rund um die Etappen im Vergleich zur Tour de France eher als relaxed beschreibt, ist seine Lieblingsrundfahrt eine andere. Und diese steht auch 2021 wieder in seinem Rennkalender: Beim Giro d’Italia unterstützt Teamplayer Felix seinen Teamkollegen Emanuel Buchmann im Kampf ums Gesamtklassement. Gleichzeitig wird er seine dritte Teilnahme beim Giro wie immer besonders genießen, denn dank der Emotionen der Zuschauer und der Geschichte des Rennens ist es seine Lieblingsrundfahrt. Auch Teamkollege Peter Sagan wird mit von der Partie sein und um die „Maglia Ciclamino“, das Trikot für den Punktsieger kämpfen. Für Felix bedeutet er vor allem Inspiration, „Er strahlt etwas aus, das mir guttut. Er sieht das Rennfahren immer noch als Spiel. Bei dem Druck, den man hat, vergessen viele, wie schön es ist, Radprofi zu sein.“ Mit so viel positiver Energie schafft Felix es ja vielleicht auch, seinen ersten Etappensieg bei einer Grand Tour zu holen. Denn in den italienischen Bergen scheint ja im Mai auch nicht immer die Sonne. Dann wäre seine „unendliche Liebe“ zum Giro perfekt. Grund zur Freude hätte Felix in diesem Fall gleich doppelt, denn dann müsste sein Coach aufgrund einer Wette ein Jahr lang den Felix-Großschartner-Gedenkschnauzer tragen. Und damit wäre er dann wie sein Athlet: Alles andere als Mainstream.